What does peace look like?

Eine philosophisch-semantische Etüde
von
Gregor Auenhammer

I.
In einer idealen Welt entspricht Frieden der Anmutung eines überirdischen Paradieses. In einer hedonistischen Aura, die uns in unserer alltäglichen Rationalität als irrational und kitschig erscheint, leben Mann und Frau, Mensch und Tier, Fauna und Flora in trauter Einheit. Es herrscht Gleichmut, kontemplative Ruhe, anmutige Stille. Es fehlen Besitz und Anspruch, Arbeit und Ertrag. Es fehlen sowohl Neid als auch Missgunst, jegliche Angst. Jeder ist sich selbst und den anderen gut. Und optisch? Der Himmel erscheint im Schimmer der wärmenden Sonne zart blassblau, nur vereinzelt ziehen Wolken über das Firmament. Die Natur ist unberührt, deren Ressourcen entsprechen exakt den Bedürfnissen des Globus. Atmosphäre und Klima strahlen Konsens und Ruhe aus. Die Ästhetik der Menschen, der Lebewesen, der Landschaft entspringt der inneren Schönheit, der sinnlichen Anmut, der Ausgeglichenheit, der positiven Ausstrahlung. Und Schönheit entsteht, wie der Weise weiß, im Auge des Betrachters. Jeder ist für jeden verantwortlich. Jeder fühlt sich für jeden verantwortlich. Es existieren keine Grenzen der Geschlechter, Generationen, Regionen und Religionen. Er herrscht Frieden. Dieser Friede aber bezieht sich nicht nur auf das Miteinander der Regionen, der Religionen, sondern bedeutet viel mehr: sozial, ökologisch, ökonomisch, häuslich. Scheinbar unscheinbar. Unsichtbar, undurchsichtig …

II.
In der realen Welt entspricht Frieden optisch der Anmutung des verwunschenen, des irdischen, des verloren gegangenen Paradieses. Auf den ersten Blick erscheint der Himmel im Spiegel der gleißend-hellen Sonne klar und blau. Am Horizont aber erscheinen düster-graue Wolken. Ein Atompilz spaltet das Firmament. Zerstörte Städte säumen zu Wüsten verödete Landschaften. Die Natur ist kahl, karg, leblos. Die vorhandenen Ressourcen entsprechen keineswegs den Bedürfnissen von Mensch und Tier, Fauna und Flora. Atmosphäre und Klima strahlen angespannte Ruhe aus. In einer Aura, die uns in unserer tagtäglichen Rationalität als irrational und kitschig erscheint, leben Menschheit, Tier- und Pflanzenwelt, Alt und Jung. Auf den ersten Blick gemeinsam, auf den zweiten nebenher. Es herrscht Unmut, kontemplative, abwartende Stille. Es herrschen Neid und Missgunst. Jeder ist nur sich selbst nahe und misstraut dem Anderen, dem Nächsten wie dem Entfernten.
Friede ist aber mehr als das Gegenteil von Krieg, ist vielmehr die Abwesenheit von Unfrieden. Wie sieht dieser Frieden aus? Dieser Frieden sieht aus wie die globale Verwüstung, wie die Zerstörung der Umwelt, wie die Vernichtung von Menschen, die willkürliche Tötung von Tieren, wie der fahrlässige Umgang mit den Ressourcen der Natur, wie die mutwillige, gewalttätige Gefügig-Machung, die Zerstörung und Ermordung von Lebewesen. Auf Grund von Geringschätzung, Anmaßung und Präpotenz, auf Grund von Hochmut und falschem Stolz. De facto sieht der auf Abschreckung basierende Frieden in dieser, unserer realen Welt schrecklich aus. Er ist ein Ergebnis von Krieg, Bombardement, von Tod und Verderben, von zerstörten Häusern, zerfurchten Landschaften, von unpassierbaren Brücken; ist in weiterer Folge ein Ergebnis von salbungsvollen Worten, von Friedensbekundungen, von erklärten positiven Absichten, Gesetzen und Verträgen. Frieden entsteht durch die Angst vor Unfrieden, vor Kampf, Auseinandersetzung. Das Gesetz der friedvollen Gleichheit entspringt einer genormten Äquilibristik zwischen den Mächten, zwischen den Geschlechtern, zwischen Generationen, Regionen und Religionen.

III.
In einer idealisierten Welt entspricht Frieden optisch der Anmutung des verwunschenen überirdischen, scheinbar verloren gegangenen, aber wiedererlangten Paradieses. Wie in einem geheimnisvollen Garten, in einer Aura, die unserer irrationalen Realität entspringt, leben Mensch und Tier in einer sie eigenartig einenden Zwietracht zusammen. Beseelt von Lethargie herrschen resignative Gleichmut und Agonie, die auf Grund des fragilen Gleichgewichts der Abschreckung entstand.
Friede ist viel mehr als nur das Gegenteil von Krieg, viel mehr als nur die schlichte Abwesenheit von Unfrieden. Es herrscht die emotionale wie auch von Vernunft und Herz getragene Übereinkunft, dass Jeder für Jeden verantwortlich ist. Über Grenzen der Geschlechter, Generationen, Regionen und Religionen hinweg. Dieser filigrane, auf Kompromissen und Angst basierende Friede aber bezieht sich nicht nur auf das Miteinander der Regionen und Religionen, sondern bedeutet viel mehr ein Gegeneinander von sozialen Schichten, ökologischen Sünden, ökonomischer Ausbeutung im Sinne des Überflusses ohne Augenmaß, Propaganda, und last, but not least, Aggression. Friede beginnt aber im Kleinen; sowohl in Gesten als auch in einer Abrüstung der Worte. Unfriede beginnt in der kleinsten Zelle. Unfriede beginnt in der Familie, in Beziehungen, Unfriede mündet in häusliche Gewalt, in soziale Ungerechtigkeit, in gesellschaftliche Schräglage, in Klassenkämpfe, in Krieg. Jedermann strebt sich selbst zu positionieren, anstatt Andere zu akzeptieren, wie sie sind. Ideale, Werte und Visionen sind dem Prekariat eines puren Utilitarismus untergeordnet. Friede ist eine Folge von Abschreckung – ist die Visualisierung des wechselseitigen Abschreckens.

IV.
Pessimistisch, nicht realitätsverweigernd, betrachtet entspricht Frieden in einer künftigen Welt optisch der Anmutung des verwunschenen, des irdischen, verloren gegangenen Paradieses. Reduziert auf eine sehr schmale Perspektive erscheint der Himmel im Orkus der gleißend-hellen Sonne klar. Am Horizont aber erscheinen schwarze Wolken. Atompilze spalteten das Firmament. Zerstörte Städte säumen zu Wüsten verödete Landschaften. Verstreut sind Waffenarsenale, Panzer, Flugzeugwracks zu erkennen. Die Natur ist kahl, karg, leblos. Dieser Friede ist das Ergebnis von Krieg, das Ergebnis von Unfrieden, von Unfreiheit, Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Vorbei die Epoche der Äquilibristik zwischen Mächtigen, zwischen den Mächten, zwischen den Geschlechtern, zwischen Generationen, Regionen und Religionen. Passé der soziale, häusliche, der ökologische Friede. Dieser Frieden ist letal.
Wie sieht dieser Frieden aus? Dieser Frieden sieht aus wie die globale Verwüstung, wie Zerstörung, Vernichtung, Ermordung alles Irdischen. Er ist ein Ergebnis von Krieg, Bombardement, von Tod und Verderben, von zerstörten Häusern, zerfurchten Landschaften, von unpassierbaren Brücken, ist in weiterer Folge ein Ergebnis von salbungsvollen Worten, von scheinheilig erklärten guten Absichten, von bilateralen Gesetzen und wortgewandten Verträgen, von Friedensbekundungen, denen diametral entgegengesetzte Taten folgten. Dieser blut- und herzlose Frieden entsteht durch Misstrauen, Kampf, Auseinandersetzung. Für die Menschheit bedeutet dieser Frieden ein (selbst verschuldetes) letales Finale. Dieser Frieden ist die Visualisierung des beidseitigen Schreckens.

V.
In einer absolut idealen Welt entspricht Frieden optisch der Anmutung des irdischen Paradieses. Es scheint verloren gegangenen, aber wiedererlangt, zurückgewonnen zu sein. In einer Aura, die uns in unserer Rationalität als irrational und kitschig erscheint, leben Mann und Frau, Mensch und Tier, Fauna und Flora in absoluter Harmonie. Es herrscht Gleichmut, kontemplative Ruhe, anmutige Stille. Es fehlen jedwede Neid und Missgunst, Jeder ist sich selbst und den anderen gut. „Dieser Stern ist uns doch nur geliehen …“, „… von Künftigen, die nach uns sind ...“ lautet die Gewissheit der Weisen.
Friede ist Liebe, Toleranz, Akzeptanz, Wertschätzung und Freiheit. Emotional frei, rational ungebunden. Friede entsteht von innen, aus innerer Zufriedenheit, äußerer Wertschätzung, aus Selbstzufriedenheit, entsteht aus innerer Gelassenheit und Selbstbewusstsein, das per se selbstverständlich ist. All das ist aber eigentlich unsichtbar. Wie der Frieden selbst. Andererseits aber hinterlässt dieser innere Friede Spuren im Umfeld eines Jeden, in der Welt, der Umwelt eines Jeden. In einer idealen Welt entspricht Frieden optisch der Anmutung des irdischen Paradieses: schön, perfekt, nahezu kitschig. In Anlehnung an das in Abendland wie Morgenland verortete biblische Paradies sieht Friede keinen Besitz vor, keine Kleidung, keinen Neid. Gleichwertig friedvoll leben die Menschen – in Harmonie mit ihrer Umwelt – in einer wie von selbst entstehenden Äquilibristik. Denn es gibt keine Mächte. Es bedarf keiner Macht, keiner Gewalt, keiner Frage von Geschlechtern, Generationen, Regionen und Religionen.
Ist diese Vision, diese von Einsicht geprägte Perspektive aber visualisierbar? Voraussetzung dafür sollte sein, dass jeder, wirklich jeder in sich fühlt, und von sich sagen kann „Ich bin mir selber gut.“ Friedvoll sind einander gereichte Hände, friedvoll ist eine zärtliche Umarmung, friedvoll ist ein gütiger Blick, ein Lächeln, friedvoll ist eine stille Übereinkunft. Friede ist Liebe und Verständnis. Friede ist Respekt. Ist diese Vision, diese von Einsicht geprägte Perspektive aber visualisierbar?

VI.
Im Ideal entspricht die Visualisierung von Frieden vielmehr der Realisierung der Idee als der Anmutung des irdischen Paradieses. In einer Aura, die uns in unserer von Normen, Gesetzen, Geboten und Verboten verhafteten Welt als irrational und kitschig erscheint, leben Mann und Frau, Mensch und Tier, Fauna und Flora in perfekter Harmonie. Diese einer optimistischen Traumsequenz entspringende Vision bleibt, wie jede subjektive Vision, objektiv unsichtbar, bleibt im Okkulten verborgen. Der Frieden ist nicht sichtbar, aber stets spürbar. Scheinbar unscheinbar. Unsichtbar, undurchsichtig. Basis ist Respekt vor sich selbst, dem Nächsten, der Umwelt. Voraussetzung ist, dass jeder, wirklich jeder in sich fühlt, und von sich sagen kann „Ich bin mir selber gut.“

Gregor Auenhammer, Wien im August 2014
Beitrag zur Themenstellung des „Alfred Fried Photography Award 2014“ über „das Beste Friedensbild“, einer Initiative von UNESCO, dem Parlament der Republik Österreich, International Press Institute, Photographischer Gesellschaft und Edition Lammerhuber.