Frieden ist für mich still. Frieden ist pastellig, zart, zerbrechlich. Beinahe wie ein Schmetterling, der schwebt, sich auf meine Schulter setzt, vorsichtig seine Flügel öffnet und – kaum, dass ich ihn in seiner Pracht bestaunen kann – beim leisesten Windhauch davonfliegt.

Manchmal spüre ich, was Frieden ist, wenn ich an einem See stehe. Es ist Spätsommer, die grelle, alles ausleuchtende, alles offenbarende Hochsommersonne ist nicht mehr. Wie ein Weichzeichner macht das Licht die Umgebung sanft und mild. Ich fühle mich geborgen.

Manchmal spüre ich, was Frieden sein kann, wenn ich einen Wald durchwandere. Wenn ich den feuchten Boden rieche, wenn ein Hirschkäfer meinen Weg kreuzt und mit viel Glück ein Wildschwein auf der Suche nach Nahrung seinen Rüssel in den Blätterhaufen am Wegesrand bohrt. Ich fühle mich der Natur nah.

Manchmal spüre ich, was Frieden bedeutet, wenn ich einem Baby in die Augen sehe. Es gibt Momente, in denen die kleinen Menschen nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Ihr Blick wirkt dann so klug, beinahe allwissend, so nah dran am Ursprung unseres Seins, so verbunden mit Etwas, das wir alle einmal kannten, aber längst vergessen haben. Beinahe tröstend sehen uns die Augen an, beinahe sprechen sie zu uns: „Vertraue, und alles wird gut.“ Ich fühle mich als Teil eines größeren Ganzen.

Wir sollten jeden Tag aufs Neue nach Frieden streben, nach dieser ruhigen, vollkommen unaufgeregten Zufriedenheit im Inneren. Nach dem „Alles ist gut, so wie es ist“-Moment. Nach dem bewussten Genießen und Staunen. Nach dem Gefühl der Dankbarkeit und Freude. Nach Zeit füreinander, Interesse aneinander, nach Verständnis und Mitgefühl. Oft zeigt sich Frieden – wie der weiterziehende Schmetterling – nur im Augenblick. Und doch: Wer immer wieder aufs Neue nach Frieden strebt und aufmerksam bleibt für den Frieden im Moment, macht die Welt ein Stück weit friedlicher.